Wer sich mit der Geschichte der Stadt Borna beschäftigt, kann nicht vorbei an einem Buch, das in der Mitte des vorigen Jahrhunderts erschienen ist: Wolframs „Chronik der Stadt Borna mit Berücksichtigung der umliegenden Ortschaften“. Generationen von interessierten Laien, Lehrern, Schülern, stadt- und heimatgeschichtlichen Forschern und Historikern haben in den ursprünglich etwa 450 Seiten dieses Buches studiert, nachgeschlagen, mit Genuss und Spannung vielleicht gar geschmökert. Immer wieder findet der Leser etwas Neues, das er früher für weniger wichtig erachtet und übersprungen hatte. Eine immense Arbeit von 50 Jahren Forschung und in diesem Zeitraum festgehaltener, erlebter Stadtgeschichte steckt in diesem Werk, das Wolfram im Jahre 1886 durch einen umfangreichen Anhang selbst noch vervollständigt hatte. Seit über 100 Jahren ist seine Chronik ohne Nachfolger geblieben. Selbst wenn aus heutiger Kenntnis heraus manche Aussage zu hinterfragen ist, so wird doch jeder heimatbewußte Geschichtsfreund Wolframs Namen nur mit Dankbarkeit nennen.

Wer war dieser Mann? Unser Wissen beschränkt sich auf wenige Eckdaten.

Robert Hieronymus Wolfram wurde am 16. September 1816 als 6. Kind des „herrschaftlichen Braumeisters“ Johann Wolfram zu Großzschocher geboren. Über seine Schulbildung ist hier z. Z. nichts bekannt, auch nichts darüber, wie es ihn nach Borna verschlug. Wir wissen nur, dass der hiesige Superintendent Dr. Johann Carl Heinrich von Zobel den achtzehnjährigen Wolfram als Famulus zu sich nahm. Sicherlich ist es Dr. v. Zobel gewesen, der das Interesse des jungen Mannes für die Heimatgeschichte weckte. Zobel befasste sich selbst mit einer „Geschichte der Pastoren und Superintendenten der Stadt Borna“, die er 1849 herausgab. Etwa von 1840 ab erschien „Sachsens Kirchengalerie“, ein Sammelwerk, das in einzelnen Heften sämtliche Kirchgemeinden („Parochien“) Sachsens vorstellte. Der Beitrag über Borna stammt aus Wolframs Feder und ist der früheste Beleg für Wolframs Forschertätigkeit. Seit dem Jahre 1838 wirkte Robert Wolfram als Bürgerschullehrer in Borna. Hier erklomm er geduldig die damals obligatorische Stufenleiter: vom 2. Elementarlehrer („2. Unterlehrer“), 1. Elementarlehrer, 2. Mädchenlehrer usw. zum Oberlehrer. Als im Jahre 1862 ein Proseminar für das im Aufbau befindliche Königlich-Sächsische Schullehrerseminar eingerichtet wurde, erteilte Robert Wolfram dort den

naturgeschichtlichen Unterricht. In seiner Chronik erwähnt er in aller Bescheidenheit, dass der sächsische König Johann bei seinem Besuch in Borna am 8. Juli 1862 u. a. in einer solchen „naturgeschichtlichen Lektion“ Wolframs hospitierte. Das Proseminar befand sich übrigens in der Grimmaischen Straße 41OF (heutige Hausnummer 11). Wolfram wohnte nebenan in der 41OF2 (heute Nr. 13) im Hause des Schmieds Carl David Rose seit etwa 1857. Von 1866 bis zum Eintritt in den Ruhestand i. J. 1880 wirkte. Robert Wolfram als Oberlehrer am Königl. Schullehrerseminar.

In dieser Zeit (1868) erbaute er sich das Haus Grimmaische Straße 410T (heute Nr. 30), wo er bis zu seinem Tode am 10. September 1896 wohnte.

Robert Wolfram muss mit Leib und Seele Lehrer gewesen sein und zugleich von Liebe zu unserer kleinen Stadt erfüllt. Er kannte die reichen geschichtlichen Quellen des Rats- und des Ephoralarchivs. Er verstand es, aus den damals noch völlig unerschlossenen Papieren, Akten und Urkunden ein lebendiges Bild der Vergangenheit zu entwerfen. Seine Chronik brachte er im Eigenverlag heraus und trug damit auch das volle finanzielle Risiko des Unternehmens. Neben der Geschichte verlor er aber die Gegenwart nicht aus dem Blick. Wohl wissend, dass der wirtschaftliche Aufbruch der (später so genannten) Gründerjahre nicht ohne Einfluss auf die uns umgebende Natur bleiben würden, verfasste er eine wissenschaftliche Arbeit über die Pflanzenwelt unserer engeren Heimat. Sie erschien unter dem Titel „Flora von Borna“ i. J. 1878. Damals schon erhob Wolfram die dringende Bitte, seltene Pflanzen doch ja zu schonen, damit sie der Nachwelt erhalten bleiben.

Wie vielseitig Robert Wolfram war, bezeugen auch seine „Chronik des VolksschuIwesens“ (erschienen 1872) und eine Zusammenstellung von „Sächsischen Volkssagen“ (erschienen 1863/1868). Nicht unerwähnt bleiben sollen Wolframs Begeisterung für den Reformator Martin Luther und sein damit verbundenes soziales Engagement: Zur bevorstehenden Lutherfeier des Jahres 1883 (400. Geburtstag) regte er die Gründung eines „Vereins zur Erneuerung des Lutherdenkmals in Zölsdorfer FIur“ an, leistete als Vereinsvorsitzender den gesamten Verwaltungsaufwand dafür und gründete die „Katharina-Stiftung zur Unterstützung notleidender Witwen und Waisen von evangelischen Geistlichen und Lehrern in der Diaspora“.

Wir haben kein Porträt Robert Wolframs. Auch auf dem Friedhof ist sein Name verschwunden, da seine letzte Ruhestätte nach Zeitablauf neu belegt wurde. Seine „Chronik der Stadt Borna“ aber wird auch noch ferner ein lebendiges Zeugnis ablegen von einem Manne, der als Lehrer und Lehrerbildner, als unermüdlicher Forscher und Chronist unserer Heimat über viele Generationen hinweg gedient hat:

Robert Wolfram.

Annemarie Engelmann (Vgl. Heimatblätter des Bornaer Landes 3/1994, S. 29-32)